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18. Dezember 2022, Lusail Stadium, Minute 123: Lionel Messi steht am Elfmeterpunkt, ein ganzes Land hält den Atem an. Er verwandelt, Argentinien gewinnt das dramatischste WM-Finale aller Zeiten. Dreieinhalb Jahre später sitze ich vor dem Bildschirm und frage mich: Kann ein 38-Jähriger dieses Kunststück wiederholen?
Argentinien bei der WM 2026 ist mehr als ein Titelverteidiger. Es ist die letzte große Mission des besten Spielers aller Zeiten. Die Quote von etwa 7.00 auf die Titelverteidigung unterschätzt, was dieses Team leisten kann — eine Gruppe von Spielern, die für Messi durchs Feuer geht, angeführt von einem Trainer, der das perfekte Gleichgewicht zwischen System und Emotion gefunden hat. Gruppe J mit Algerien, Österreich und Jordanien ist machbar, der Weg ins Finale realistisch. Aber die eigentliche Frage lautet: Wie viel hat Messi noch im Tank? Und kann diese Generation argentinischer Spieler das Unmögliche schaffen — die Titelverteidigung, die seit 1962 keinem Team gelungen ist?
Titelverteidiger: Argentiniens Weg seit Katar 2022
Der WM-Triumph 2022 löste eine Euphorie aus, die Argentinien seit Maradonas Zeiten nicht mehr erlebt hatte. Vier Millionen Menschen auf den Straßen von Buenos Aires, ein Nationalfeiertag, Tränen bei Spielern, die jahrelang als Versager galten. Aber was danach kam, war mindestens ebenso beeindruckend.
Die Copa América 2024 in den USA wurde zum Triumphzug. Argentinien gewann alle sechs Spiele, ohne ein einziges Gegentor bis zum Finale zu kassieren. Der 1:0-Sieg gegen Kolumbien im Endspiel war hart erkämpft, aber verdient. Für Messi war es der zweite kontinentale Titel in Folge nach 2021 — die Bestätigung, dass der WM-Erfolg kein Zufallsprodukt war.
Trainer Lionel Scaloni hat eine Mannschaft geformt, die funktioniert wie ein Uhrwerk. Das 4-3-3-System mit Messi als falsche Neun ist perfekt auf den Kapitän zugeschnitten, erlaubt ihm Freiheiten, die andere nicht bekommen. Gleichzeitig arbeiten zehn Feldspieler doppelt so hart, um Messis reduziertes Laufpensum zu kompensieren. Diese Dynamik ist einzigartig im Weltfußball — kein anderes Team baut sein Spiel so konsequent um einen einzelnen Spieler auf. Scaloni, selbst ein unspektakulärer Nationalspieler in seiner aktiven Zeit, versteht, dass sein Job nicht darin besteht, taktische Revolutionen auszurufen, sondern die perfekte Umgebung für Messi zu schaffen.
Die Qualifikation für die WM 2026 verlief souverän, wenn auch nicht makellos. Mit 39 Punkten aus 18 Spielen führte Argentinien die CONMEBOL-Tabelle an, vor Uruguay und Ecuador. Die einzige Niederlage kam gegen Kolumbien in Barranquilla — ein Weckruf, der die Mannschaft wieder fokussierte. Was mich an dieser Kampagne beeindruckte: die Fähigkeit, auch ohne Messi zu gewinnen. In den Spielen, die der Kapitän verletzungsbedingt verpasste, übernahmen Julián Álvarez und Lautaro Martínez die Führungsrollen.
Die südamerikanische Qualifikation ist traditionell die härteste der Welt. Zehn Teams, 18 Spielrunden, Höhenlagen in La Paz, tropische Hitze in Barranquilla, aggressive Fans in Asunción. Argentinien meisterte diese Herausforderungen mit der Gelassenheit eines Teams, das nichts mehr beweisen muss. Das 3:0 gegen Brasilien im Maracanã war ein Statement — ein historischer Sieg, der die Machtverhältnisse im südamerikanischen Fußball verschob. Die Albiceleste ist nicht mehr der kleine Bruder, der auf Maradonas Erbe hofft. Sie ist die dominante Kraft des Kontinents.
Der Kader: Messi und die Erben der Weltmeister
Lionel Messi mit 38 Jahren bei Turnierbeginn — allein diese Zahl sollte skeptisch stimmen. Aber wer Messi in den vergangenen zwei Jahren beobachtet hat, weiß: Dieser Spieler altert anders als normale Menschen. Bei Inter Miami zeigt er Woche für Woche, dass seine Technik und sein Spielverständnis altersresistent sind. Die Geschwindigkeit hat nachgelassen, keine Frage. Die Sprints über 50 Meter, die ihn in seiner Blüte unaufhaltbar machten, sind seltener geworden. Aber Messi hat sein Spiel angepasst, findet Räume durch Intelligenz statt Tempo.
Die entscheidende Frage ist nicht, ob Messi noch spielen kann — das kann er zweifellos. Die Frage ist, wie viele Minuten pro Spiel, wie viele Spiele pro Turnier. Bei der WM 2022 spielte er 690 von möglichen 720 Minuten, ließ kein einziges Spiel aus. Mit 38 Jahren und einem Turnier von potenziell sieben Spielen in 25 Tagen wird das schwieriger. Scaloni muss dosieren, Messi für die K.o.-Phase aufsparen, ohne die Gruppenspiele zu gefährden.
Glücklicherweise hat Argentinien Alternativen. Julián Álvarez hat sich bei Manchester City zum Weltklassestürmer entwickelt. Mit 26 Jahren bei Turnierbeginn ist er in seiner besten Phase, kombiniert unermüdliches Pressing mit klinischem Abschluss. In der Qualifikation erzielte er 11 Tore — mehr als jeder andere Argentinier, einschließlich Messi. Wenn der Kapitän pausiert, übernimmt Álvarez nahtlos.
Lautaro Martínez bietet eine andere Dimension. Der Inter-Mailand-Stürmer ist physischer als Álvarez, besser in der Luft, stärker im Halten von Bällen. In einem 4-4-2 mit Álvarez wäre Lautaro der perfekte Partner — eine Formation, die Scaloni in der Qualifikation mehrfach nutzte. Die Flexibilität, zwischen verschiedenen Sturmformationen zu wechseln, ist Argentiniens taktischer Trumpf.
Das Mittelfeld hat sich verjüngt, ohne an Qualität einzubüßen. Enzo Fernández ist nach seinem Wechsel zu Chelsea zum kompletten Achter gereift — defensiv stark, passsicher, mit dem Auge für den tödlichen Pass. Neben ihm räumt Rodrigo De Paul ab, der ewige Kämpfer, der vor fünf Jahren noch belächelt wurde und heute unverzichtbar ist. Alexis Mac Allister bringt Liverpool-Qualität, kann sowohl als Achter als auch als Zehner spielen.
Die Verteidigung ist Argentiniens Schwachstelle — oder zumindest der Bereich mit den meisten Fragezeichen. Cristian Romero ist Weltklasse, wenn fit, aber Verletzungen plagen ihn regelmäßig. Nicolás Otamendi wird bei Turnierbeginn 38 sein, seine Geschwindigkeit reicht nicht mehr gegen schnelle Stürmer. Lisandro Martínez von Manchester United bietet eine Alternative, ist aber selbst verletzungsanfällig. Die Außenverteidiger — Nahuel Molina rechts, Nicolás Tagliafico links — sind solide, aber nicht spektakulär.
Im Tor steht Emiliano Martínez, der Held von Katar. Seine Elfmeterschütze-Psychospiele sind legendär, seine Reflexe auf höchstem Niveau. „Dibu“ ist mehr als ein Torwart für dieses Team — er ist ein Charakter, eine Persönlichkeit, die dem Gegner unter die Haut geht. Bei der WM 2022 hielt er im Finale gegen Frankreich den entscheidenden Elfmeter, nach zuvor schon gehaltenen Schüssen im Viertelfinale gegen die Niederlande. Seine Körpersprache, sein Timing, seine mentale Stärke machen ihn zum vielleicht besten Turniertorwart der Welt. Franco Armani als Backup hat internationale Erfahrung, dürfte aber nur spielen, wenn Martínez ausfällt.
Die Flügelpositionen bieten Optionen. Ángel Di María ist mit 38 Jahren offiziell zurückgetreten, aber Gerüchte über eine Rückkehr halten sich. Falls nicht, übernehmen Jüngere: Alejandro Garnacho von Manchester United bringt Tempo und Dribblings, Nicolás González physische Präsenz und Kopfballstärke. Die Tiefe des Kaders ist beeindruckend — wo andere Teams nach Verletzungen kämpfen, kann Scaloni aus einem Pool von Premier-League- und Serie-A-Stammspielern wählen.
Spielsystem unter Scaloni: Erfolgsformel fortsetzen
Lionel Scaloni hat etwas geschafft, woran Argentiniens große Trainer vor ihm scheiterten: Er machte aus Individualisten ein kollektiv funktionierendes Team. Nicht durch taktische Genialität, sondern durch Menschenführung. Die Spieler lieben ihren Trainer, würden für ihn kämpfen. Diese emotionale Bindung ist im argentinischen Fußball wichtiger als jede Formation.
Das Grundsystem ist ein 4-3-3, das sich im Ballbesitz zum 3-2-5 entwickelt. Ein Außenverteidiger rückt ins Mittelfeld, der ballnahe Flügelstürmer zieht nach innen, Messi schwebt zwischen den Linien. Diese Asymmetrie macht Argentinien schwer zu lesen — Gegner wissen nie genau, woher die Gefahr kommt.
Ohne Ball verteidigt Argentinien kompakter als viele annehmen. Das 4-4-2 im Pressing ist eingespielt, die Laufwege automatisiert. Álvarez als erste Pressingspitze macht die Arbeit, die Messi nicht mehr leisten kann. Die Flügelstürmer sichern die Außenbahnen, das Mittelfeld verdichtet die Mitte. Diese defensive Organisation war bei der WM 2022 der unterschätzte Erfolgsfaktor — Argentinien kassierte nur drei Tore im gesamten Turnier, alle gegen Frankreich im Finale.
Scalonis größte Stärke ist Anpassungsfähigkeit. Gegen Saudi-Arabien und seine hohe Abwehrlinie wollte er mit langen Bällen hinter die Kette spielen — es funktionierte nicht, Argentinien verlor. Gegen Mexiko stellte er um, dominierte das Mittelfeld, gewann 2:0. Diese Fähigkeit zur schnellen Korrektur wird bei einem Turnier mit dem neuen Modus noch wichtiger.
Ein taktisches Detail, das ich beobachte: Messis Positionierung bei Kontern. In seiner Blüte war er der Mann, der Konter abschloss, mit dem Ball am Fuß über das halbe Feld zog. Heute lässt er sich fallen, wird zum Spielmacher, orchestriert den Angriff. Die Geschwindigkeit kommt von Álvarez und den Flügelspielern, Messi liefert die Idee. Diese Rollenverteilung funktioniert, solange die Läufer ihre Chancen nutzen.
Die Standardsituationen verdienen besondere Erwähnung. Bei der WM 2022 erzielte Argentinien drei Tore nach Standards, bei der Copa América 2024 weitere zwei. Messi als Freistoßschütze ist gefährlich, aber auch die Kopfballstärke von Romero und Álvarez bei Ecken wird oft unterschätzt. Scaloni hat eigene Standardtrainer engagiert, die Ergebnisse sprechen für sich. In engen K.o.-Spielen können diese Details entscheiden — das wissen die Argentinier aus eigener Erfahrung.
Was Argentinien von anderen Top-Teams unterscheidet: die emotionale Intelligenz. Diese Mannschaft kann kämpfen, wenn nötig. Das 2:2 gegen die Niederlande im Viertelfinale 2022, mit all seinen Provokationen und Nickeligkeiten, zeigte einen Charakter, der nicht jedem Team gegeben ist. Die Albiceleste lässt sich nicht einschüchtern, geht in Konfrontationen nicht unter. Diese Mentalität ist bei Weltmeisterschaften Gold wert.
Gruppe J: Argentinien gegen Algerien, Österreich und Jordanien
Die Auslosung war gnädig mit dem Titelverteidiger. Gruppe J ist keine Todesgruppe, keine Angstgegner, keine vermeintlich leichten Teams mit versteckten Qualitäten. Algerien, Österreich und Jordanien sind respektable Gegner, aber keiner hat die Klasse, Argentinien ernsthaft zu gefährden — solange die Albiceleste ihre Normalform erreicht.
Algerien bringt die Erinnerungen an 2014 mit, als die Algerier Deutschland im Achtelfinale alles abverlangten. Riyad Mahrez ist inzwischen nach Saudi-Arabien gewechselt, aber seine Erfahrung bleibt wertvoll. Ismaël Bennacer von Milan sichert das Mittelfeld, Islam Slimani ist ein physischer Stürmer alter Schule. Die Algerier werden kämpfen, werden versuchen, das Spiel eng zu halten — aber individuelle Überlegenheit Argentiniens ist deutlich.
Österreich ist der interessanteste Gegner der Gruppe. David Alaba, falls fit, bringt Real-Madrid-Klasse in die Defensive. Marcel Sabitzer treibt das Spiel an, Marko Arnautović kennt große Bühnen. Trainer Ralf Rangnick hat dem Team eine klare Spielidee eingeimpft — hohes Pressing, vertikales Spiel, Mut zum Risiko. Gegen Argentinien könnte das funktionieren oder spektakulär scheitern. Die Quote auf einen österreichischen Sieg liegt bei etwa 9.00 — ein Außenseiter-Erfolg ist nicht ausgeschlossen. Für deutsche Fans interessant: Das deutschsprachige Nachbarland wird viele Sympathien genießen, und ein Sieg gegen den Titelverteidiger wäre die größte Sensation der österreichischen Fußballgeschichte seit den 1950er Jahren.
Jordanien komplettiert die Gruppe als größte Überraschung der Qualifikation. Der asiatische Vertreter qualifizierte sich nach einem Playoff-Sieg und bringt die Leidenschaft eines Landes mit, das zum ersten Mal bei einer WM dabei ist. Die Mannschaft wird tief stehen, jeden Ball verteidigen, auf ein Wunder hoffen. Mousa Al-Tamari als kreativer Kopf kann einzelne Momente kreieren, aber die Klassenunterschiede sind offensichtlich. Jordaniens beste Chance liegt darin, das Spiel zu verlangsamen, Frustration beim Gegner zu erzeugen — eine Taktik, die gegen ungeduldigere Teams funktionieren könnte, aber nicht gegen Argentiniens geduldiges Passspiel.
Meine Prognose: Argentinien gewinnt die Gruppe mit sieben oder neun Punkten. Das Auftaktspiel gegen Algerien wird der wichtigste Test — ein Stolperstart wäre psychologisch gefährlich, würde Erinnerungen an Saudi-Arabien 2022 wecken. Scaloni wird Messi wahrscheinlich im dritten Spiel gegen Jordanien schonen, um ihn für das Achtelfinale frisch zu halten.
Die Spieltermine sind günstig für Argentinien. Das Auftaktspiel findet am 15. Juni in New York statt, nur wenige Flugstunden von Miami entfernt, wo viele Spieler inzwischen leben oder zumindest Erfahrung mit dem Klima haben. Das zweite Spiel gegen Österreich steigt am 21. Juni in Dallas, das Gruppenfinale gegen Jordanien am 26. Juni in Atlanta. Die Reisewege sind kurz, die Erholungspausen ausreichend. Argentiniens Lager in den USA wird gut vorbereitet sein — die Nähe zu Messis Wahlheimat Miami ist kein Zufall.
Quoten und Chancen: Chancen auf die Titelverteidigung
Die Buchmacher sehen Argentinien als vierten Favoriten, hinter Frankreich, England und Brasilien. Die Quote von etwa 7.00 auf die Titelverteidigung impliziert eine Wahrscheinlichkeit von etwa 14% — aus meiner Sicht eine Unterschätzung. Argentinien hat etwas, das die anderen Favoriten nicht haben: die Erfahrung, eine WM zu gewinnen. Und mit Scaloni einen Trainer, der weiß, wie man ein sechswöchiges Turnier managt.
Der Gruppensieg liegt bei etwa 1.25, praktisch eine sichere Wette. Das Erreichen des Viertelfinals steht bei 1.50, des Halbfinals bei 2.20. Diese Staffelung zeigt, dass die Buchmacher Argentiniens Weg bis ins Halbfinale als wahrscheinlich betrachten — die Unsicherheit liegt in den letzten drei Spielen.
Interessant sind die Spielerwetten. Messi als WM-Torschützenkönig liegt bei etwa 12.00 — zu hoch für einen Spieler, der bei der letzten WM sieben Tore erzielte. Álvarez bei 15.00 bietet ebenfalls Value, sein Tordrang in der Qualifikation war beeindruckend. Lautaro Martínez bei 18.00 ist risikoreich, da er oft als Joker von der Bank kommt.
Eine Wette, die ich beobachte: „Argentinien erreicht das Finale“ bei etwa 3.00. Der Turnierbaum zeigt einen machbaren Weg — über Gruppe J, einen Dritten aus den Gruppen G oder H im Achtelfinale, dann wahrscheinlich Niederlande oder Belgien im Viertelfinale. Erst im Halbfinale dürften Frankreich oder Deutschland warten. Drei von vier Spielen mit Favoritenrolle — das rechtfertigt eine Quote unter 3.00.
Für Langzeitwetter interessant: „Argentinien kassiert weniger als 5 Tore im Turnier“ bei etwa 2.00. Die Defensive war bei der WM 2022 herausragend, nur die drei Finaltore trübten die Bilanz. Mit Emiliano Martínez im Tor und einer eingespielten Abwehrreihe ist diese Wette eine Überlegung wert — besonders wenn die Gruppenphase wie erwartet verläuft.
Die Quote auf Messi als besten Spieler des Turniers liegt bei etwa 8.00 — eine emotionale Wette, die bei seinem letzten großen Turnier Fans ansprechen dürfte. Die FIFA tendiert dazu, den Spieler des Siegerteams zu küren, was Messis Chancen mindert, falls Argentinien früh ausscheidet. Aber wenn die Albiceleste das Finale erreicht, ist Messi der klare Favorit für diese Auszeichnung.
Der Messi-Faktor: Letzte WM des Superstars?
Messi hat nie definitiv erklärt, dass die WM 2026 seine letzte sein wird. Aber die Indizien sprechen für sich. Mit 38 Jahren wäre er bei einer WM 2030 bereits 42 — selbst für Messi unrealistisch. Die Reise zum Turnier in den USA, Mexiko und Kanada wird anstrengend, das Klima im Juni und Juli fordernd. Alles deutet darauf hin, dass wir Messi zum letzten Mal im argentinischen Trikot bei einer WM sehen.
Diese Erkenntnis verleiht dem Turnier besondere Bedeutung. Messis Mitspieler wissen, dass sie ihrem Kapitän einen würdigen Abschied schulden. Die Motivation, für diese lebende Legende zu kämpfen, wird jedes Spiel prägen. Bei der WM 2022 war dieser Faktor spürbar — Spieler wie Mac Allister und Fernández sprachen offen davon, „für Leo“ zu spielen. Diese emotionale Komponente ist nicht zu unterschätzen.
Die Frage bleibt: Wie viel kann Messi physisch noch leisten? Bei der Copa América 2024 verletzte er sich im Finale an den Bändern, humpelte weinend vom Platz. Die Verletzung heilte, aber sie war eine Warnung. Ein Turnier mit sieben Spielen in 25 Tagen ist härter als alles, was Messi in den vergangenen Jahren absolviert hat. Scaloni muss einen Plan entwickeln, der Messi schont, ohne die Siegchancen zu minimieren.
Mein Eindruck: Messi wird die Gruppenphase durchspielen, im Achtelfinale pausieren, ab dem Viertelfinale wieder voll einsteigen. Diese Rotation würde ihm die nötige Erholung geben, ohne das Team zu gefährden. Aber jede Verletzung, jede Überlastung könnte diesen Plan durchkreuzen. Die WM 2026 wird auch ein Test der Belastungssteuerung.
Ein Aspekt, der oft übersehen wird: Messis Führungsqualitäten. Der Mann, der jahrelang als zu introvertiert für die Kapitänsbinde galt, hat sich gewandelt. Bei der WM 2022 hielt er Ansprachen in der Kabine, motivierte Mitspieler nach Rückschlägen, wurde zum emotionalen Anker des Teams. Diese Entwicklung kam spät in seiner Karriere, aber sie ist real. Messi von 2026 ist nicht derselbe wie Messi von 2014 — er ist ein kompletter Anführer geworden.
Die argentinischen Fans werden das Turnier zu einem Heimspiel machen. Die große argentinische Community in den USA, verstärkt durch Zehntausende, die für das Turnier einreisen, wird jedes Spiel in ein Meer aus Hellblau und Weiß verwandeln. Diese Unterstützung war bei der Copa América 2024 ein entscheidender Faktor — sie wird es bei der WM 2026 wieder sein.
Prognose: Wie weit kommt der Titelverteidiger?
Meine Einschätzung: Argentinien erreicht mindestens das Halbfinale, mit realistischen Chancen auf das Finale. Die Titelverteidigung ist möglich, aber schwieriger als die aktuellen WM Quoten suggerieren. Der Unterschied zu 2022 liegt im Alter des Kerns — Messi, De Paul, Otamendi sind alle über 35, die Reserven bei Verletzungen dünn. Aber dieser Kader hat etwas, das Zahlen nicht erfassen können: den unbedingten Willen, für ihren Kapitän alles zu geben.
Der mögliche Turnierverlauf: Gruppensieg vor Österreich und Algerien, im Achtelfinale ein Dritter wie Iran oder Neuseeland. Im Viertelfinale wartet wahrscheinlich ein europäischer Gegner — Niederlande oder Belgien. Beide sind schlagbar, beide haben eigene Probleme. Das Halbfinale gegen Frankreich oder Deutschland wäre der entscheidende Test — hier entscheidet sich, ob Messi seinen Abschied mit einem weiteren Finale krönt.
Ein Risikofaktor: die mentale Belastung des „letzten Tanzes“. Bei Michael Jordans Rückkehr zu den Bulls 1998 führte diese Narrative zum sechsten Titel. Aber im Fußball kann der Druck auch lähmen. Argentinien muss den schmalen Grat zwischen Motivation und Verkrampfung finden.
Mein konkreter Tipp: Argentinien verliert im Finale gegen Frankreich — eine Neuauflage von 2022, diesmal mit umgekehrtem Ausgang. Die Wahrscheinlichkeit auf die Titelverteidigung liegt bei etwa 12-15%, leicht unter Frankreich, aber über dem, was die Quote von 7.00 impliziert. Messis letzte WM wird unvergesslich — ob mit Triumph oder tragischem Aus.
Ein statistisches Detail zum Abschluss: Seit 1962 hat kein Team die WM erfolgreich verteidigt. Brasilien 2006, Frankreich 2002, Deutschland 1994 — alle Titelverteidiger scheiterten früh oder im Halbfinale. Dieser Fluch lastet auch auf Argentinien. Aber diese Mannschaft hat bereits bewiesen, dass sie Statistiken trotzen kann: Vor 2022 hatte Messi kein großes Turnier mit Argentinien gewonnen, und dann gewann er innerhalb von 18 Monaten Copa und WM. Vielleicht ist dieses Team erneut für etwas Historisches bestimmt.