In Vaduz war es ein langer Sonntag. Erst der späte Samstagabend mit den letzten drei Gruppen, dann am Sonntag um 21:00 MESZ der allererste K.-o.-Anpfiff dieser WM 2026 — Südafrika gegen Kanada im SoFi Stadium Los Angeles. Für die Schweizer Nati und damit für uns hier am Rhein war das Spiel der erste Live-Test eines möglichen Halbfinal-Bracket-Pfades: Kanada war unser Gruppengegner in der Vorrunde, im Sechzehntelfinale traf nun unser ehemaliger Gegner auf einen Afrikaner ohne Stürmer mit WM-Erfahrung. Was wir nicht erwartet haben: dass das Spiel bis in die Nachspielzeit torlos bleibt und Stephen Eustáquio in der 90.+2. Minute aus 16 Metern den Ball ins lange Eck schiebt. 1:0 Kanada — und Geschichte für den Ahornblatt-Fussball.

Kanadas erster K.-o.-Sieg überhaupt — und was er für die Nati bedeutet
Es ist die Art von Fussballnacht, die man später als Wendepunkt erkennt. Kanada war bei der WM 2022 in Katar nach drei Niederlagen ohne Sieg ausgeschieden. Die Heim-WM 2026 mit Schauplatz Toronto, Vancouver und der gesamten Westküste sollte ein Statement werden, und drei Gruppenspiele lang sah es nach einem zähen, kontrollierten Aufstieg aus. Gegen Südafrika kam dann das, was Kanadier in den letzten Jahren mehrmals nicht geschafft haben — ein knappes K.-o.-Spiel auf der grossen Bühne zu gewinnen. Eustáquios Tor war kein Glücksschuss, sondern Endprodukt eines geduldig aufgebauten Angriffs über die rechte Seite. Nathan Saliba kassierte in der 76. Minute Gelb, die südafrikanische Defensive verlor in der Schlussphase Struktur, und Eustáquio nutzte den Moment. Kanadas Trainer Jesse Marsch sagte hinterher zu FOX Sports: "You guys are Canadian heroes today. Canadian heroes. Canadian heroes for the future children of this country who play this sport. This sport has a big future because of you guys." (Übersetzung: "Ihr seid heute kanadische Helden. Kanadische Helden. Kanadische Helden für die zukünftigen Kinder dieses Landes, die diesen Sport spielen. Dieser Sport hat eine grosse Zukunft wegen euch.") Es ist genau der Ton, den Kanada brauchte, und der bei uns im Rheintal mit gemischten Gefühlen ankommt — denn Kanadas Lauf bedeutet auch, dass im Achtelfinale der Sieger aus Niederlande gegen Marokko (Anstoss heute Abend in Monterrey) auf das Ahornblatt-Team trifft, und das Bracket auf dieser Seite engt sich für die Nati ein.
Praktisch hiess das für die Schweiz: Kanadas Erfolg ist auf den ersten Blick ein Pluspunkt, weil die direkten Vergleiche aus der Gruppenphase zeigen, dass die Nati Kanada ein 2:1 abgerungen hat — im BC Place Vancouver, derselbe Schauplatz, an dem die Schweiz am 2. Juli ihr eigenes Sechzehntelfinal-Spiel hat. Wer die Aufstellungen vergleicht, sieht keinen Grund zur Schweizer Sorge. Aber Bracket-Verläufe sind launisch. Kanada steht im Achtelfinal in Houston am 4. Juli, und sollte die Schweiz ihre Partie gegen Algerien gewinnen, kreuzen sich die Wege erst im Viertelfinal — was statistisch eine andere Welt ist. Die Mathematik dahinter spielt in den nächsten 48 Stunden noch keine Rolle. Was zählt: Kanada ist im Achtelfinal, Südafrika nicht, und die Schweizer Bracket-Hälfte ist gerade etwas anspruchsvoller geworden.
Gruppe L — England krönt sich, Kroatien schleicht durch, Ghana auf der Bubble
Bevor das R32 begann, ging die Gruppenphase mit drei späten Geschichten am 27. Juni zu Ende. England schloss Gruppe L mit dem erwarteten 2:0 gegen Panama im MetLife Stadium ab — Jude Bellingham (62. Minute) und Harry Kane (67.) trafen, das Tempo der Engländer war an diesem Abend zu hoch für eine müde panamesische Defensive. Die Three Lions stehen mit 7 Punkten, zwei Siegen und einem Remis als Gruppensieger und treffen am 1. Juli in Atlanta auf DR Kongo. Parallel in Philadelphia schlug Kroatien Ghana mit 2:1. Petar Sučić traf in der 31. Minute zur Führung, Nikola Vlašić bestätigte in der 83., Derrick Luckassen hatte zwischendurch in der 73. Minute für Ghana verkürzt. Kroatien geht mit 6 Punkten als Zweiter weiter und spielt am 2. Juli in Toronto gegen Portugal.
Ghana mit 4 Punkten wurde zur drittplatzierten Bubble-Mannschaft — und schaffte schliesslich den Sprung in die K.-o.-Runde. In der finalen Drittplatzierten-Wertung der WM 2026 (8 von 12 qualifizieren sich) reichte es mit 4 Punkten, Tordifferenz 0, 2 erzielten Toren auf Rang vier. Panama dagegen verabschiedete sich mit 0 Punkten und Tordifferenz -4. Eine kleine Anekdote am Rande: Bellinghams Treffer war sein dritter dieses Turniers, Kanes neunter im Trikot der englischen Nationalmannschaft — auf seinem persönlichen Weg in die Liste der zehn besten WM-Torschützen Englands.
Gruppe K — Kolumbien holt sich Platz eins per 0:0, DR Kongo erst- mals im K.-o.
Im Hard Rock Stadium Miami trafen Kolumbien und Portugal aufeinander, und beide Mannschaften wussten, dass ein Remis ihre Position absichert. Cristiano Ronaldo und James Rodríguez führten ihre Teams auf den Rasen, das Spiel endete torlos. Kolumbien gewinnt damit Gruppe K mit 7 Punkten (2 Siege, 1 Remis, Tordifferenz +3), Portugal mit 5 Punkten auf Rang zwei. Spannender war das parallele Spiel in Atlanta: DR Kongo schlug Usbekistan mit 3:1 und qualifizierte sich erstmals in seiner WM-Geschichte für die Sechzehntelfinale. Yoane Wissa erzielte in der 68. Minute per Elfmeter, Fiston Mayele legte in der 78. nach, Wissa selbst markierte in der 90.+1. das Endresultat. Eldor Shomurodov hatte für Usbekistan in der 10. Minute getroffen, doch die zweite Halbzeit gehörte den Kongolesen.
Für DR Kongo ist es die Premiere — die erste K.-o.-Teilnahme einer kongolesischen Nationalmannschaft an einer WM seit der berühmten Zaire-Teilnahme 1974. Am 1. Juli warten dann die Engländer in Atlanta. Aus Schweizer und Liechtensteiner Sicht ist diese Geschichte fern, aber das Spiel zeigt etwas anderes: Die afrikanischen Mannschaften zeigen bei dieser WM mehr Qualität als oft erwartet — Marokko, DR Kongo, Senegal, Ghana, Algerien und die Elfenbeinküste haben es alle in die Sechzehntelfinale geschafft. Wer den Spielbaum studiert, sieht eine afrikanische Welle, die Europa und Südamerika noch zu schaffen machen wird.
Gruppe J — Argentinien perfekt, Petkovics Algerien rumort über das 3:3
Das interessanteste Stück Statistik vom 27. Juni: Argentinien hat alle drei Gruppenspiele gewonnen. Mit 9 Punkten und Tordifferenz +7 gewinnt die Albiceleste Gruppe J ungeschlagen — gegen Jordanien stand am letzten Spieltag das 3:1 im AT&T Stadium Arlington/Dallas. Giovani Lo Celso traf in der 19. Minute, Lautaro Martínez verwandelte in der 31. einen Elfmeter, Lionel Messi setzte in der 80. den Schlusspunkt — sein sechstes Tor in diesem Turnier, womit er die Torschützenkönig-Wertung weiter anführt. Mousa Al-Tamari hatte für Jordanien zwischenzeitlich in der 55. Minute auf 1:2 verkürzt.
Im parallelen Match in Kansas City trennten sich Algerien und Österreich 3:3 in einem Spiel, das die NZZ als eines der verrücktesten der gesamten WM-Geschichte einstuft. Marko Arnautović eröffnete in der 28. Minute, Algeriens Rafik Belghali glich in der 41. aus, dann legten Marcel Sabitzer (55.) und Saša Kalajdžić (90.+5) für Österreich nach — und Riyad Mahrez schoss Algerien mit zwei Treffern (60. und 90.+2.) zurück ins Spiel. Mahrez‘ späte Tore sicherten Algerien den dritten Platz mit 4 Punkten, Tordifferenz -2. Österreich beendete die Gruppe ebenfalls mit 4 Punkten, aber mit ausgeglichenem Torverhältnis vor Algerien auf Platz zwei. Für uns relevant: Algerien ist als Drittplatzierter weiterhin im Turnier — und als Schweizer Sechzehntelfinal-Gegner am 2. Juli plötzlich der Mittelpunkt jeder Vaduzer Beiz-Diskussion. Mehr dazu in unserem separaten Text über Vladimir Petkovics Wiedersehen mit der Nati.
Die Drittplatzierten-Wertung — wer dabei, wer draussen
Mit dem Abschluss der Gruppen J, K und L stand die finale Wertung der 12 Drittplatzierten fest. 8 qualifizierten sich, 4 schieden aus. Die acht Qualifizierten: DR Kongo (Gruppe K, 4 Punkte, +1 Tordifferenz, 4 Tore), Schweden (F, 4, 0, 7), Ecuador (E, 4, 0, 2), Ghana (L, 4, 0, 2), Bosnien-Herzegowina (B, 4, -1, 5), Algerien (J, 4, -2, 5), Paraguay (D, 4, -2, 2) und Senegal (I, 3, +2, 8). Senegal kam mit nur 3 Punkten durch, weil sein Polster aus 8 erzielten Toren reichte — sein 5:0-Sieg gegen Irak am letzten Spieltag war damit der goldene Pass.
Ausgeschieden auf der Bubble: Iran (G, 3 Punkte, 0 Tordifferenz, 3 Tore), Südkorea (A, 3, -1, 2), Schottland (C, 3, -3, 1) und Uruguay (H, 2 Punkte). Für die schottischen Fans war es eine bittere Pille — Schottland verlor mit einer Niederlage gegen Brasilien und wurde aufgrund der schlechten Tordifferenz am Ende mit drei Punkten überholt. Aus Schweizer Sicht eher eine Erleichterung: ein britisches Inselteam ist nicht mehr im Bracket, was die obere Bracket-Hälfte ein Stück offener macht.
Aus FL-Sicht: was wir aus diesem Wochenende mitnehmen
Wer am Sonntagabend in Vaduz, Schaan oder Triesen vor dem Bildschirm sass, hat zwei Dinge gleichzeitig gesehen — eine kanadische Sportgeschichte und einen Hinweis darauf, wie sich der Schweizer Bracket-Pfad sortiert. Die Anstosszeiten der nächsten Tage sind freundlicher als die ganze Vorrunde: das Schweizer Sechzehntelfinale am 2. Juli beginnt um 23:00 ET, also 05:00 MESZ am frühen Morgen des 3. Juli — eine Härteprobe für die Mitarbeitenden bei der Liechtensteinischen Landesverwaltung, aber immer noch zu schaffen mit Schichtarbeit, Aufnahme oder einer sehr starken Tasse Kaffee. SRF zwei überträgt live, parallel zeigt das ZDF aus Deutschland. Wer eine Stunde später ins Büro muss, schaltet die Aufnahme rechtzeitig ein und vermeidet WhatsApp-Nachrichten bis um 07:30.
Die kommenden 48 Stunden bringen drei Sechzehntelfinal-Partien am Montag (Brasilien gegen Japan, Deutschland gegen Paraguay, Niederlande gegen Marokko) und drei weitere am Dienstag (Elfenbeinküste gegen Norwegen, Frankreich gegen Schweden, Mexiko gegen Ecuador). Bei keinem dieser Spiele steht die Schweiz oder Liechtenstein direkt im Mittelpunkt, aber zwei davon sind DACH-relevant: Deutschland gegen Paraguay heute Abend ist der erste echte Test der DFB-Elf nach dem holprigen Gruppenende, und Österreich kommt am 2. Juli — kurz vor der Nati-Partie — gegen Spanien dran. Sieben Spieltage in fünf Tagen, im Bracket sortiert sich auf, und wir hier am Alpenrhein behalten den Überblick mit MESZ-Wecker und SRF-Liveticker.
Was übrig bleibt, ist die Pflicht zur nüchternen Lesart: die R32-Statistik der WM 2026 sagt nach einer Partie wenig aus, ausser dass Underdog-Siege auch in einem 48-Mannschaften-Format möglich bleiben. Kanada war auf den Sportwetten-Märkten leicht favorisiert, das Spiel mit der Quote zwischen 1.95 und 2.10 auf den Aufstieg eingepreist — was nicht falsch war, aber knapper als die Quoten suggerierten. Wer die nächsten 48 Stunden seriös begleitet, sollte für jede Partie das gleiche Mantra anwenden: knappe Quote ≠ sicherer Sieg, und K.-o.-Fussball ist die Disziplin der Überraschungen.