In Vaduz wurde am Samstagabend nach dem Schlusspfiff in Kansas City erst kurz geschwiegen, dann gelacht. Algerien hatte gerade mit einem 3:3 gegen Österreich den letzten Drittplatz aus Gruppe J erkämpft, und damit war das Schicksal für die Schweizer Nati besiegelt: Am 2. Juli, Anstoss in Vancouver um 23:00 Ortszeit Pacific Time (05:00 MESZ am 3. Juli), spielt die Schweiz im Sechzehntelfinale gegen das Algerien von Vladimir Petkovic. Es ist eines dieser Aufeinandertreffen, in denen die Sportgeschichte einen Witz schreibt, den niemand bestellt hat. Petkovic, der die Nati 78 Spiele lang trainierte und sie 2018 ins Achtelfinale und 2021 in den EM-Viertelfinal führte, sitzt zum ersten Mal seit seinem Abschied 2021 wieder gegenüber dem Team, das er fünf Jahre lang formte.

Wer ist dieser Petkovic noch einmal?
Der 62-jährige Tessiner — geboren in Sarajevo, in der Schweiz seit den 1980ern, kroatischer Pass — übernahm die Nati 2014 nach der WM in Brasilien und führte sie über sieben Jahre. Statistisch bleibt er der erfolgreichste Schweizer Nationaltrainer aller Zeiten gemessen am Punkteschnitt — eine Zahl, die laut SRF und Watson seit seinem Abschied von keinem Nachfolger erreicht wurde, auch nicht von Murat Yakin, der jetzt mit der Nati am Sechzehntelfinal-Tor steht. Petkovic war der Mann, der Granit Xhaka zum Captain machte, der Yann Sommer als Stammtorhüter etablierte und der die Schweizer Identität von "soliden Aussenseitern" zu "kontrollierten Mitfavoriten gegen jeden ausser den drei besten" entwickelte. Nach seinem Abschied 2021 ging er kurz zu Bordeaux, dann Genoa, später als Berater zum französischen Verband, bis Algerien ihn im Spätsommer 2025 für die WM-Endphase verpflichtete.
In Algerien hat Petkovic in weniger als einem Jahr eine Mannschaft gebaut, die in der Gruppenphase mit dem 3:3 gegen Österreich das spektakulärste Comeback einer afrikanischen Nation in dieser WM lieferte. Riyad Mahrez traf zweimal (60. Minute und 90.+2.), die Algerier glichen nach zwischenzeitlichem 1:3-Rückstand aus und sicherten den Drittplatz mit 4 Punkten und Tordifferenz -2. Das war keine perfekte Gruppenphase, aber gerade gut genug. Und nun stehen sich in Vancouver Petkovic und sein eigener Beton-Kern — Xhaka, Akanji, Sommer, Embolo — gegenüber.
Was Petkovic über Algerien gemacht hat
Algerien ist auf dem Papier ein Team mit überdurchschnittlicher europäischer Klubqualität. Riyad Mahrez (Al Ahli, früher Manchester City) führt die Mannschaft an, Rayan Ait-Nouri ist bei Manchester City unter Vertrag, Amine Gouiri spielt bei Marseille, Ramy Bensebaini steht bei Borussia Dortmund, Fares Chaibi bei Eintracht Frankfurt. Das sind Spieler, die auf europäischem Niveau Wochenend-Spiele bestreiten und mit der Bühne einer K.-o.-Phase vertraut sind. Algerien ist aktuell die Nr. 29 der FIFA-Weltrangliste und kehrt erstmals seit 2014 zur WM zurück.
Petkovic hat — wenig überraschend — eine Schweizer Spielidee mitgebracht. Algerien spielt mit zwei Sechsern, einer Dreierkette in der defensiven Hochphase, einer Viererkette in der mittleren Phase, und in der Offensive mit zwei zentralen Stürmern, oft Mahrez als hängende Spitze. Es ist taktisch ein Spielfeld, das die Schweizer Spieler kennen, weil sie sieben Jahre lang in einem ähnlichen Geist trainiert wurden. Das macht das Spiel doppelt interessant: Petkovic kennt die Schwächen der Nati besser als jeder andere Trainer der Welt, weil er sie selbst aufgebaut und nicht ganz weggebracht hat. Yakin kennt die Schwächen Algeriens kaum, weil Petkovic in weniger als einem Jahr ein neues Team geformt hat.
Was der Markt sagt
Die Buchmacher sehen die Sache klar — auf den ersten Blick. Schweizer Sieg in 90 Minuten liegt aktuell zwischen 1.40 und 1.55 (je nach Anbieter), Aufstieg in den Achtelfinal inklusive Verlängerung und Elfmeterschiessen zwischen 1.18 und 1.28. Das sind Quoten, die der Nati eine implizite Aufstiegswahrscheinlichkeit von über 75 Prozent zuschreiben. Algerischer Sieg in 90 Minuten geht zwischen 5.50 und 7.00, das Remis bei rund 4.00.
Wenn man auf der NZZ-Sportseite die letzten Stimmen liest, wird der Schweizer Sieg fast wie eine Selbstverständlichkeit behandelt. Das ist aus mehreren Gründen die falsche Lesart. Erstens: Die Schweizer Nati hat in der Gruppenphase gegen Katar mit 1:1 gespielt und gegen Kanada den Sieg erst in den letzten zwanzig Minuten gerettet — die defensive Stabilität ist nicht so monolithisch, wie die Statistiken suggerieren. Zweitens: Algeriens individuelle Klasse in Mahrez, Gouiri und Bensebaini ist auf europäischem Top-Niveau, und Petkovic weiss, wie er Konter gegen eine 3-4-2-1-Verteidigung mit hoher Wingback-Position aufzieht. Drittens: K.-o.-Spiele auf einer WM mit 48 Mannschaften haben in den letzten zwei Turnieren mehrere Favoritenstürze produziert — Tunesien gegen Frankreich, Marokko gegen Spanien, Japan gegen Spanien.
Mein nüchterner Tipp: Schweizer Sieg ist das wahrscheinlichste Resultat, aber die Aufstiegsquote von 1.18 bis 1.28 ist defensiv eingepreist. Eine Wette mit Value findet sich eher in der Frage "Tore über 2.5" oder "Beide Teams treffen" — bei einer Petkovic-Mannschaft mit einem Mahrez, der in Gruppenphase zwei Tore und ein Assist produziert hat, sind die Wettmärkte etwas optimistischer eingestellt als die Wahrscheinlichkeitsrechnung verlangt. Wer mit kleinen Einsätzen einen Story-Tipp abgeben will: Algerien-Aufstieg liegt zwischen 3.50 und 5.00 — eine Long-Shot, aber nicht so abwegig, wie die Sieger-Quoten allein vermuten.
Was Petkovic dazu sagt
In einem Gespräch mit Nau.ch nach der Auslosung sprach Petkovic über das Wiedersehen — mit der für ihn typischen Mischung aus Respekt und ruhigem Selbstvertrauen. Über die Spieler, die er aufgebaut hat, sagte er, dass er froh sei, sie auf der grossen Bühne weiterhin spielen zu sehen, aber dass er als Trainer Algeriens jetzt eine andere Aufgabe habe. Es war keine emotionale Pressekonferenz, sondern die ruhige Antwort eines Trainers, der weiss, dass das Spiel auf dem Platz entschieden wird, nicht im Vorfeld.
Murat Yakin antwortete in einer Schweizer Pressekonferenz mit ähnlicher Zurückhaltung: Respekt vor Petkovic, Respekt vor Algerien, kein Sentiment. Das ist eine Lesart, die einem Vorgänger-Gegenfeld angemessen ist. Aus FL-Sicht weniger spannend als die emotionale Erzählung, aber wahrscheinlich die richtige Vorbereitung — Petkovic kennt die Schwächen seiner ehemaligen Spieler, und jeder zusätzliche Funke "alte Beziehung" würde das taktische Spielfeld nur unnötig aufheizen.
Aus FL-Sicht: warum dieses Spiel um 05:00 MESZ in jeder Vaduzer Stube läuft
Das Spiel beginnt um 23:00 Ortszeit Pacific Time, was 08:00 ET an der Ostküste bedeutet und 05:00 MESZ in Vaduz, Schaan und Triesen. Eine Anstosszeit, die nur ein Schweizer Fussballfan als "okay" bezeichnet. Ich werde um 04:30 die Kaffeemaschine vorprogrammieren, einen Snack bereitlegen, den Fernseher auf SRF zwei laufen lassen und das Smartphone-Geräusch unterdrücken. Bis 07:00 sind die ersten 90 Minuten gespielt, und bei Verlängerung wird der Wecker den Arbeitsweg verschieben.
In Vaduz und Schaan hat keine Beiz um diese Uhrzeit offen — die einzige Ausnahme könnte das Lindenhof-Quartier sein, wenn der Wirt eine spontane Frühschicht einlegt, was in der Vorrunde schon mal vorkam. Wer Gesellschaft sucht, geht zum Nachbarn oder organisiert eine WG-Frühschicht. Die FC-Vaduz-Lounge öffnet sicher nicht um 04:00. Aber genau diese Stille der frühen Morgenstunden hat ihre eigene Stimmung: keine Verkehr, kein Telefon, nur SRF zwei mit Sascha Ruefer am Mikrofon und 22 Mann auf einem Rasen in Vancouver, der eine Schweizer Erinnerung an die letzte Petkovic-Ära hat. Egal wie das Spiel ausgeht — es wird einer der Sätze, die wir hier am Alpenrhein in zehn Jahren noch erzählen: "Weisst du noch, als Petkovic mit Algerien gegen die Nati spielte? Das war früher Morgen, 05:00 Uhr…"
Bis dahin bleibt die Tatsache, dass die Nati am 2. Juli ihre WM-Karriere von der Gruppenphase in die K.-o.-Phase übersetzen muss — gegen eine Mannschaft, deren Trainer das Schweizer Spiel besser kennt als jeder andere. Auf dem Papier ein Schweizer Sieg. In der Praxis ein Spiel mit emotionalem Subplot, das von einer Quote nicht eingefangen wird. Wer wettet, bleibt diszipliniert. Wer schaut, bleibt wach. Und wer hofft, hofft auf einen Schweizer Achtelfinal-Einzug, der erstmals seit 2018 wieder möglich ist.